School in paradise

Ein Jahr lang Schulbank gegen Surfbrett tauschen? Ja, das geht! Wie genau, welche Hindernisse man überwinden muss und welche Vorzüge der Unterricht „on the road“ hat, erklären wir in diesem Beitrag.

Antrag auf häuslichen Unterricht bei der Bildungsdirektion

In Österreich gilt die Unterrichtspflicht. Demnach muss jedes schulpflichtige Kind unterrichtet werden. In welcher Form bleibt im Grunde den Erziehungsberechtigen überlassen. Unsere Kinder besuchten vor der Reise normale öffentliche Schulen. Damian (7) besuchte die 1. Klasse Volksschule und Midori (11) die 1. Klasse Gymnasium Unterstufe. Da beide gute Schüler sind, war es auch kein Problem, häuslichen Unterricht gemäß § 11 des Schulpflichtgesetzes zu beantragen. Wie geht das?

Tja, beinah einfacher, als ein Kind für ein paar Tage früher aus dem Unterricht zu nehmen, um beispielsweise vor der Hauptferienzeit – also vor dem Höchstpreisniveau – auf Urlaub fahren zu können. Einerseits verständlich, denn würde das wohl jeder machen und man könnte gleich den Ferienbeginn vorverlegen, aber andererseits ärgerlich, weil so ein Urlaub schnell um 50 Prozent teurer wird.

Um sein Kind für ein ganzes Schuljahr aus dem Regelunterricht zu nehmen, beantragt man bei der zuständigen Bildungsdirektion (vorm. Landesschulrat) sogenannten „häuslichen Unterricht“. Dazu besucht man die Homepage der Bildungsdirektion und lädt das entsprechende Formular herunter, füllt es aus und schickt es mit dem letzten Zeugnis (bzw. Schulnachricht) des Kindes ab. Die Berechtigung zum häuslichen Unterricht wird nicht in Form eines Bescheides erteilt, wie man vermuten möchte, sondern in einem formlosen Schreiben zur Kenntnis genommen. Da man am Ende des häuslichen Jahres einen Leistungsnachweis erbringen muss, findet man im Anhang des Schreibens eine Liste mit jenen öffentlichen Schulen, an denen eine Externistenprüfungskommission eingerichtet ist. Diese Schulen sind dazu berechtigt, am Ende des Schuljahres eine Jahresprüfung abzunehmen und ein entsprechendes Zeugnis auszustellen, das zum Aufstieg in die nächste Schulstufe berechtigt. Besteht das Kind diese Prüfung, darf es aufsteigen und entweder weiterhin „zu Hause“ oder an einer staatlich anerkannten Schule unterrichtet werden. Besteht es hingegen die Prüfung nicht, so muss es das Schuljahr an einer öffentlichen Schule wiederholen.
Parallel zur Kenntnisnahme der Bildungsdirektion an die Eltern erfolgt auch ein Schreiben an die Direktion jener Schule, die das Kind bisher besucht hat. Selbstverständlich sollte man dennoch das Gespräch mit der/dem Direktor/in und den KlassenlehrerInnen suchen. Die meisten Lehrkräfte sind sehr kooperativ und unterstützen mit Schulbuchlisten und Tipps zur Erfüllung des Lehrplans.

Anmeldung zur Externistenprüfung

Wie oben erwähnt, übermittelt die Bildungsdirektion eine Liste mit Schulen, an denen eine Externistenprüfungskommission eingerichtet ist. In unserem Fall war aber jene Schule, die für die Gymnasialprüfung Midoris zuständig war, nicht gelistet. Diese Tatsache führte zu endlos langer Korrespondenz mit der Bildungsdirektion und vielen nicht-zuständigen Schulen über Wochen hinweg, bis wir erfuhren, welche Schule nun tatsächlich zuständig war. Um derartige Aufregungen während der Reise zu vermeiden, sollte man die Zuständigkeit daher unbedingt vor der Abreise klären! Das wussten wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht, da man von der Bildungsdirektion nicht gerade mit Informationen verwöhnt wird (auch telefonisch nicht). Wir wussten lediglich, dass wir bis 15. Juli d. J. das Ergebnis der Externistenprüfung mittels entsprechendem Zeugnis nachweisen mussten.

Man sollte also UNBEDINGT darauf bestehen, SOFORT zu erfahren, welche Schule die Prüfung abnimmt und noch vor Beginn des Schuljahres bzw. vor Abreise einen Termin  mit der Ansprechperson dort vereinbaren. So hat man selbst, aber auch das Kind, die Möglichkeit die Schule und die zuständigen Lehrpersonen kennenzulernen. In diesem Zuge kann man das Kind offiziell zur Externistenprüfung anmelden (Formular) und die Prüfungsgebühr (ca. 15 Euro) begleichen; es werden außerdem Listen mit den Prüfungsgebieten je Fach sowie die zu verwendenden Bücher (nähere Informationen zu den Büchern weiter unten im Beitrag) ausgegeben. Denn diese Bücher stimmen nicht unbedingt mit jenen überein, die an der Stammschule verwendet werden. Bestellt werden die Bücher aber über die Stammschule, da sie nur so über die Schulbuchaktion (kostenlos) abgerechnet werden können.
Ist der Kontakt mit der Externistenschule einmal hergestellt, erfährt man dann auch automatisch, zeitgerecht und unbürokratisch alle Prüfungstermine via Email.

Tägliche Lehreinheiten planen

Ist man dann „on the road“, fällt es natürlich schwer, einen Schulalltag einkehren zu lassen. Die täglichen Herausforderungen einer Reise stehen dem oft gegenüber. Dennoch sollte man versuchen, so häufig und konsequent wie möglich mit den Kindern zu lernen. Für uns hat sich im Laufe der Reise herausgestellt, dass Unterricht am Nachmittag oder gar am Abend so gut wie unmöglich ist. Obwohl es natürlich verlockend ist, im heißen Klima gleich den kühleren Vormittag für Ausflüge zu nutzen und eher am Nachmittag Siesta zu halten und zu lernen, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Kinder dann zu müde und kaum mehr aufnahmefähig waren. Wir haben im Laufe der Monate, die wir unterwegs waren, erkannt, dass die Kinder am Vormittag am konzentriertesten und effizientesten lernen. Daher planten wir unsere Einheiten immer gleich nach dem Frühstück –  täglich etwa drei Stunden.

Selbstverständlich lernt ein Kind auf Reisen aber viel mehr, als im österreichischen Lehrplan steht. So erfuhren sie viel über asiatische und ozeanische Geschichte, Kultur und Gepflogenheiten; außerdem viel Praktisches über das Reisen selbst. Anderes kommt naturgemäß etwas zu kurz. Bleibt man aber stets dran, sollte die Externistenprüfung kein Problem darstellen.

Und was passiert nach diesem Jahr?

Wie bereits eingangs erwähnt, dürfen die Kinder ohne Bestehen einer Prüfung leider nicht in die nächste Schulstufe aufsteigen. Diese sogenannte Externistenprüfung wird nicht an der Stammschule abgehalten, sondern muss an einer Schule mit Externistenprüfungskommission absolviert werden. Dafür ist für jeden Bezirk eine ausgewählte Schule zuständig. Im Grunde ist die Zuständigkeit durch den Wohnsitz gegeben. Möchte man die Prüfung an einer anderen Schule, die auf der besagten Liste angeführt wird, absolvieren, muss man sich zeitgerecht mit dieser Schule in Verbindung setzen und eruieren, ob ausreichend personelle Kapazität vorhanden ist. Ist dies der Fall und die Schulleitung einverstanden, kann man sich dort der Externistenprüfung unterziehen.
In unserem Fall war es so, dass je Bezirk eine Volksschule in Niederösterreich über eine Externistenprüfungskommission verfügt. Für Haupt- bzw. Neue Mittelschulen gilt ähnliches. Aber Prüfungen, denen der Lehrplan für Gymnasien zugrund liegt, können nur an einer Schule in Niederösterreich abgelegt werden. Diese Schule verfügt über  sehr kompetentes und hilfsbereites Personal und nimmt die Prüfung so kindgerecht wie möglich ab. Wir möchten diese Schule hier nicht explizit nennen, um die ohnehin schon sehr stark ausgelasteten Lehrkräfte nicht mit Anfragen zu belasten. Sollte sich jemand aber ernsthaft für häuslichen Unterricht interessieren, möge er uns dazu gerne eine Anfrage senden. Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen und (hart erarbeiteten) Informationen weiterzugeben.

Wann wird geprüft?

Grundsätzlich finden diese Prüfungen im Mai und Juni, also am Ende des Schuljahres statt. Wird man nach dem Lehrplan des Gymnasiums geprüft, so muss man sich in jedem einzelnen Fach – außer Leibesübungen, Religion und Werken – einer Prüfung unterziehen (ja, auch in bildnerischer Erziehung). Entsprechend viele Termine sind einzuplanen. Im Volksschulbereich wird das in einem Termin erledigt, wobei man anmerken muss, dass diese Vorgehensweise nicht unbedingt empfehlenswert ist.

In unserem Fall wurde Damian an einer Schule geprüft, die die Prüfung nicht unbedingt gesetzeskonform und kinderecht ausführte. Auch dazu erteilen wir deshalb gerne Auskunft. Wir würden auf jeden Fall zwei Termine empfehlen, damit das Kind nicht einer stundenlangen Prüfungssituation ausgesetzt wird. Für ein Volksschulkind ist das sehr anstrengend und entmutigend.

Hat man die Prüfung(en) bestanden, wird sofort das Externistenprüfungszeugnis, das bis spätestens Mitte Juli dem Landesschulrat vorgelegt werden muss, ausgestellt. Auch dafür ist eine Gebühr zu entrichten (wieder etwa 15 €). Langt bis zu diesem Datum kein Zeugnis ein, wird davon ausgegangen, dass die Prüfung nicht bestanden oder gar nicht absolviert wurde. Dann muss das Schuljahr an einer öffentlichen Schule wiederholt werden. Besteht man die Prüfung, darf man aufsteigen und hat wiederum die Möglichkeit, häuslichen Unterricht weiter zu beantragen oder wieder an der Stammschule (oder jeder anderen Schule) in der nächsten Schulstufe unterrichtet zu werden. Um den Schulplatz zu sichern, muss das Zeugnis auch der Stammschule vorgelegt werden. Nur so kann die zuständige Direktion das Kind als ordentliche/n SchülerIn wieder offiziell anmelden.

Geschafft!

Midori und Damian sind in ihre Klassengemeinschaften gut integriert und haben viele Freunde in Österreich. Daher wollten wir es einfach versuchen, sie selbst zu unterrichten und ihnen somit die Möglichkeit geben, nach diesem Jahr die Externistenprüfung abzulegen und gemeinsam mit den „alten“ Freunden in die nächste Schulstufe aufzusteigen. Wir waren sehr froh und erleichtert, als die beiden ihre Prüfungen tatsächlich bestanden hatten und nun wieder mit ihren FreundInnen die Schulbank drücken „dürfen“.

Schulbücher

In Österreich gibt es seit den 1970er Jahren die sogenannte Schulbuchaktion. Sie dient der finanziellen Entlastung der Eltern und ist gleichzeitig ein wichtiger Beitrag zur Ausbildung und Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler. Im Rahmen dieser Aktion werden Schülerinnen und Schüler an österreichischen Schulen unentgeltlich mit den notwendigen Unterrichtsmitteln ausgestattet. Grundsätzlich hat jedes in Österreich schulpflichtige Kind das Recht auf diese finanzielle Unterstützung. Laut dem Verantwortlichen beim Bundeskanzleramt für die Schulbuchaktion, „können für Schüler im häuslichen Unterricht mit der Bestätigung des Bezirksschulrates (betr. die Erfüllung der Schulpflicht) die Schulbücher aus der Schulbuchaktion bestellt werden. Dies erfolgt in der Regel bei der Stammschule, die die zu verwendenden Schulbücher gemeinsam mit den Eltern auswählt und wie für die Schüler an der Schule mitbestellt.“ (Zitat Ende) Man kann die Bücher auch über den jeweiligen Verlag auf eigene Rechnung beziehen.

eBooks

Glücklicherweise werden viele, aber bei weitem nicht alle Schulbücher auch als eBooks angeboten. Auf einer langen Reise möchte man jedes unnötige Gramm an Reisegewicht sparen. Deshalb haben wir uns entschieden, jene Schulbücher, die als eBook erhältlich waren, als solches „mitzunehmen“, alle anderen in gedruckter Form.

Schulutensilien

Turnsackerl, Werkkofferl, Schultasche und vieles mehr bleiben natürlich zu Hause. Wir haben uns auf das Notwendigeste beschränkt: ein kleines Schüttelpennal mit Stiften, ein  Geodreieck, ein Zirkel (Achtung! Nicht ins Handgepäck – auf einigen Flughäfen war das ein Problem), ein Collegeblock für Midori, je ein kariertes und liniertes Heft für Damian. Was ausgeht, wird unterwegs besorgt. Da es überall auf der Welt Kinder und Schulen gibt, gibt es auch überall derartige Utensilien (mehr oder weniger 😉 )…

Lesetipp für Unterwegs

Wir alle lesen gerne. In vielen Hotelrezeptionen besteht die Möglichkeit, von anderen Gästen zurückgelassene Bücher gegen selbst ausgelesene zu tauschen. Häufig findet man aber wenige deutschsprachige Bücher oder welche, die thematisch nicht interessieren. Wer einen eReader hat, sollte den daher auf Reisen mitnehmen; wer nicht, hat die Möglichkeit auf Smartphone oder Laptop zu lesen. Da empfehlen wir die Seite der Online-Bibliothek der Arbeiterkammer auf der Plattform Ciando. Sie ist völlig kostenlos und hält viele interessante Bücher bereit – darunter auch Reise- und Sprachführer sowie Romane und Kinderbücher.

Schule des Lebens

Auf unserer Reise haben die Kinder so viele „Ausflüge“, „Wandertage“ und „Exkursionen“ gemacht, wie in keiner Schule in der Heimat. Hier eine kleine Zusammenstellung der spannendsten Lerninhalte:

  1. Zahlreiche Museums- und Bibliotheksbesuche … (nicht nur in Ozeanien)

2. Viiiiiiiele Tempelbesichtigungen

3. Natur & Kultur in Nordthailand

4. Geologie & Streetlife in Neuseeland

5. Physik, Geschichte und Biologie in Malaysien

6. Zu Besuch in einer English-School in Vietnam

Resümee

Obige Beschreibungen und Bilder sind nur Auszüge aus so unglaublich vielen – vor allem positiven – Erfahrungen, die wir alle sammeln durften. Und dabei haben wir noch gar nicht die „Top“-Sehenswürdigkeiten wie die Oper in Sydney, die Twin-Towers in Kuala Lumpur oder die Skyline von Singapur erwähnt. Jeden Tag entdeckten wir wieder etwas Neues: Traditionen, Pflanzen, Tiere, Menschen, Gepflogenheiten, Kulturen u.v.m. Wir haben jeden der fast 300 Tage unserer Reise genossen und sehr bewusst erlebt. Für die unbeschreiblich tollen Eindrücke sind wir unglaublich dankbar und würden eine derartige Reise sofort wieder unternehmen – allen Anstrengungen zum Trotz!

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