Thaipusam – Hindufest der Schmerzen

Von Speeren durchbohrte Wangen, Haken in Bauch und Rücken, rasierte Köpfe und zahlreiche andere Bräuche prägen das legendäre Thaipusam-Festival. In diesem Beitrag gehen wir näher auf die Hintergründe und Riten dieses traditionsreichen Festes ein, was es genau damit auf sich hat und wie es in Malaysiens Hauptstadt Kuala Lumpur von der dortigen hinduistischen Bevölkerung begangen wird.

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Groß und Klein begehen das Thaipusam …

Das Thaipusam-Festival ist ein dreitägiges Hindufest, das von den südindischen Tamilen begangen wird. Es findet alljährlich zum Vollmond des tamilischen Monats Thai (Jänner/Februar) statt. Der Stern Pusam erreicht zu jener Zeit seinen Zenit. Als die ersten tamilischen Auswanderer Ende des 19. Jahrhunderts den indischen Subkontinent verließen, um auf malaysischen Plantagen (damals britische Kolonie) ihr Auskommen zu finden, nahmen sie ihre Traditionen in die neue Heimat mit. So kamen wir in den Genuss, Zaungäste eines der buntesten Feste Südostasiens zu werden.
Obwohl Thaipusam ein hinduistisches Fest ist, wurde im sonst muslimischen Malaysien eigens ein staatlicher Feiertag eingerichtet. Thaipusam wird, abgesehen von Südindien, auch in anderen Städten Malaysiens sowie in Singapur gefeiert.

Nieder mit dem Dämon!

Die Tamilen feiern an Thaipusam den Geburtstag des Hindu-Gottes Murugan, niemand geringerer als jüngster Sohn von Shiva und Parvati. Zu diesem besonderen Anlass soll Shiva an Murugan, der auch als Kriegsgott verehrt wird, eine Lanze übergeben haben. Sie sollte ihm beim Kampf gegen einen Dämon, der Verkörperung des Bösen, dienen. Er schaffte es tatsächlich und besiegte ihn! Bis heute blieb der makabre Brauch erhalten, sich an Thaipusam mit Speeren zu durchbohren!

Batu Caves in Kuala Lumpur

Etwas außerhalb des Stadtzentrums von Kuala Lumpur befinden sich die Batu Caves, eine imposante Felsformation, bestehend aus einer kathedralenhohen, hellen Haupthöhle mit Hindu-Schreinen und einer dunklen Höhle, der sog. Dark Cave, die nur im Rahmen einer Führung betreten werden darf. Die Höhlen sind den Hindus heilig, weshalb man beim Zutritt die Kleidervorschriften beachten muss (mindestens knielange Hosen bzw. Röcke, beim Oberteil ist man weniger streng). Der Zutritt zur Haupthöhle ist kostenlos. Der Zugang über 272 bunte Stufen wird von einer über 42 Meter hohen, goldenen Statue des Gottes Murugan – der höchsten Murugan-Statue der Welt – bewacht. Während der dreitägigen Festivitäten soll jeder Hindu einmal mit Opfergaben hierher pilgern und dem Gott sein Opfer darbringen. Manche Gläubige kommen sogar nachts.

Bräuche & Opfer für Murugan

Die traditionelle Farbe des Thaipusam-Festes ist gelb. Schon Tage vor dem Festival werden in den indischen Vierteln gelbe Kleidungsstücke zum Kauf angeboten. Viele Hindus – darunter auch zahlreiche Kinder – opfern ihr Haar, lassen sich ihre Köpfe kahlscheren und bestreichen sie dann mit gelber Paste aus Sandelholz. Außerdem bringen die Gläubigen (Soja)Milch in kleinen, silbernen Töpfen oder Tontöpfen, die mit gelbem Stoff bespannt sind, lassen sie im Tempel am Fuß des Berges segnen und tragen sie dann feierlich auf ihren Köpfen die steilen Stufen zum Schrein in die Haupthöhle empor. Dort umkreisen sie zunächst den Schrein und übergeben dann die Opfergabe an einen Geistlichen, der damit das Götterbildnis wäscht. Dies geschieht zur Stärkung Murugans, gut vor den Augen der neugierigen Beobachter hinter einem Vorhang versteckt. Durch kleine Rohre links und rechts der Tempelwand fließt die Opfermilch in Strömen ab.

Der spektakulärste Brauch allerdings ist doch recht masochistisch und für Nicht-Hindus etwas verstörend: Die Wangen und Zungen der Gläubigen werden mit Speeren durchbohrt. Auch andere Körperteile werden gepierct. Dabei fließt aber kaum Blut, auch Narben sollen keine zurückbleiben. Da es in der Vergangenheit so mancher Gläubiger mit der Speerlänge etwas übertrieben hat, wurde sie von den Veranstaltern auf eine bestimmte Länge begrenzt.

Höhepunkt des Festes

Den Höhepunkt des Festes stellt der Einzug der verschiedenen Opferdarbringungsgruppen dar, die vom Hindutempel Sri Mahamariamman im Zentrum der Stadt, genauer gesagt in Chinatown, schon um 4 Uhr morgens, teils schon um Mitternacht starten. Die Anhänger folgen dem Tross über die 18 Kilometer lange Strecke barfuß. Wenn es sehr heiß ist, werden die Straßen eigens mit Wasser gekühlt. Auch an jenem Tag, an dem wir Thaipusam besuchten, erreichten zahlreiche Gruppen ihr Ziel, jeweils aus Trommlern und einem von Nadeln bzw. kleinen Speeren durchbohrten Devotee (Anhänger) bestehend, der ein schweres, dekoriertes Gestell zu Ehren der Götter am Körper trägt. Dieses darf offenbar nicht an einen anderen weitergegeben werden, sollte ein Devotee dem Zusammenbruch nahe sein. Es ist mit Götterbildern, kleinen Milchtöpfchen, Früchten, Blumengirlanden und vielen Pfauenfedern geschmückt. Immer wieder bleibt der Zug stehen, die Männer mit den Gestellen tanzen sich in Trance, die Trommeln schlagen dazu im Rhythmus. Beim Anblick des Zugangs zu den Batu-Caves wähnen sich die Gläubigen schon am Ziel. Viele sind an ihren körperlichen Grenzen und werden von ihren Begleitern immer wieder aufgebaut und motiviert, weiterzugehen. Denn nur wer die schweren Töpfe und Gestelle die 272 in der prallen Sonne liegenden Stufen bis zur Tempelhöhle hinaufgeschafft hat, kann tatsächlich sein Opfer zu Ende bringen. Vor den Stufen warten Sicherheitskräfte und Sanitäter des „Roten Halbmonds“ auf den Notfall.

Anfahrt von Kuala Lumpur zu den Batu Caves

Öffentliche Verkehrsmittel: von Sentral bis zur Station Batu Caves kostet die Fahrt für vier Personen 26 Ringgit (hin- und zurück, 5,65 Euro). Während der Festtage sind die öffentlichen Verkehrsmittel sehr überfüllt; es werden auch kostenlose Sonderbusse angeboten, die direkt vom Hindutempel Sri Mahamariamman in Chinatown starten.
Mit dem Taxi (Grab): 18,50 Ringgit inklusive Autobahngebühren – schon ab drei Personen zahlt sich ein Taxi also aus!

Unser Thaipusam-Erlebnis

Wir besichtigten das Innere der Höhle schon einige Tage vor dem Festival, da an den drei Tagen des Festivals 1 Million Besucher erwartet werden und es dann so gut wie unmöglich ist, die Höhlen ungehindert zu besichtigen. Als wir einige Tage vor dem Fest Vorort waren, war schon viel Vorbereitungsarbeit geleistet worden. Eine Menge Verpflegungszelte standen am Gelände vor der Treppe zu den Höhlen; man erhielt überall indische Süßwaren – leider kaum etwas anderes. Da das gesamte Gelände sehr sonnenexponiert liegt, sollte man unbedingt genug Wasser mitbringen. Außerdem sind, wie schon oben erwähnt, die Kleidervorschriften zu beachten! Man kann sich aber gegen eine kleine Gebühr Tücher ausborgen. Knapp vor der Haupthöhle zweigt links die Dark Cave ab. Achtung, auf den Stufen lauern überall freche Makaken und wollen Essen stehlen – also nichts Essbares (auch kein Getränk) in der Hand halten – alles in Rucksäcken verstauen!

Während des Festivals wird knapp vor dem Main Gate von der „Devine Life Society“ eine kostenlose Speisung organisiert. Man wollte auch uns als Nicht-Hindus dazu einladen; wir hatten allerdings schon gegessen.

Am Haupteingang haben wir voller Begeisterung den Einzug verschiedener Gruppen beobachtet. Dann überquerten wir selbst den Platz und kämpften uns bis zu den bunten Stufen vor. Hinauf in die Höhlen wollten wir allerdings nicht gehen, denn schon die Treppen selbst waren extrem überfüllt. In den Höhlen soll es laut Auskunft einiger Einheimischer sehr heiß sein. Da wir aus diesem Grund die Höhlen schon zwei Tage zuvor besichtigt hatten, marschierten wir nicht nochmals nach oben.

Rückfahrt in die Stadt

Es war dann gar nicht so einfach, direkt vom Haupteingang ein Grab-Taxi zu rufen, denn dieser Bereich war für Fahrzeuge völlig gesperrt. Einige Regierungsmitglieder und Diplomaten verließen zudem gerade das Gelände und viele Sicherheitskräfte waren damit beschäftigt, die Menschenmassen, darunter uns, zur Seite zu drängen. Wir marschierten also etwa 500 Meter Richtung Stadt und warteten an einer Petronas-Tankstelle. Nach vielen Versuchen (die Netze waren überlastet) hatten wir endlich ein Signal und konnten ein Grab-Taxi buchen.

Links

Öffentliche Feiertage in Malaysien – Thaipusam
Grab Taxis (vgl. Uber in Europa)

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