Sleepless in Saigon

Als wir völlig tiefenentspannt aus dem Mekong-Delta Richtung Ho Chi Min City aufbrachen, befürchteten wir das Schlimmste. Riesige Container-Schiffe, Dreck, Smog, Verkehrschaos, kurzum eine hässliche asiatische Wirtschaftsmetropole.
Nach nur zweieinhalb Stunden Autobusfahrt waren wir am Busbahnhof Saigon Süd angekommen. Leider wurden wir wieder einmal von einer Horde Taxi-Fahrer in Empfang genommen. Tja, es ist immer dasselbe: Bahnhöfe, Busbahnhöfe, Fährhäfen, Flughäfen – hier werden die Neuankömmlinge abgefangen, massiv bedrängt, um dann völlig überteuert in ihr Hotel gebracht zu werden … Alle weiteren Taxi-Fahrten, die wir in Saigon unternommen haben, haben wir über die App „Grab“ gebucht. Es gibt auch andere Apps, Einheimische haben uns aber alle „Grab“ empfohlen, und damit fuhren wir im wahrsten Sinne des Wortes stets am besten. Faire Preise – zufriedene Kunden.
Wir genossen dennoch die Fahrt in den District 1, wo wir in der Backpacker Street schlechthin, der Bui Vien Walkingstreet, ein Zimmer gebucht hatten. Die Fahrt durch breite Alleen, gepflegte Häuserzeilen, vorbei an modernen Hochhäusern und hippen Straßencafés gestaltete sich recht kurzweilig. Saigon entsprach gar nicht dem, was wir erwartet hatten.

Saigon. Boomende Wirtschaftsmetropole mit kolonialem Flair und ur-vietnamesischem Kern – eine Stadt, die nie stillzustehen scheint. Ein endloser Strom an Motorbikes fließt wie ein riesiger Fischschwarm durch die Straßen. Will man sie überqueren, muss man den Strom teilen wie Mose das Meer. Keine Ampel, kein Zebrastreifen, die bei den Fahrern Beachtung finden. „Just go slowly“, ruft ein Mopedfahrer im Vorbeifahren uns am Straßenrand wartenden  Ahnungslosen zu. Es ist zwar unglaublich, aber es funktioniert. Irgendwie.

Faktencheck:

Ho-Chi-Minh-Stadt ist mit rund 7 Millionen Einwohnern Vietnams größte Stadt und das pulsierende, wirtschaftliche Zentrum des Landes. Nach Ende des Vietnamkrieges Mitte der 1970er Jahre wurde die Stadt zu Ehren ihres 1969 verstorbenen Volkshelden von Saigon in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt. Saigon heißt heute eigentlich nur noch die Innenstadt, der Name wird aber von den Vietnamesen für die ganze Stadt verwendet. Ho Chi Minh wird noch heute ob seiner Verdienste für das vietnamesische Volk hochgeschätzt und verehrt. Er kämpfte erfolgreich für die Unabhängigkeit Vietnams von seinen französischen Kolonialherren und später als nordvietnamesischer Staatschef gegen Südvietnam und seinen übermächtigen Verbündeten, die USA. Sein Konterfei ziert heute noch öffentliche Gebäude und Geldscheine.

 

Sightseeing

Bui Vien Walkingstreet

Unser Hotel für die nächsten vier Nächte sollte das „Bui Vien“ in einer Seitengasse der gleichnamige Bui Vien Street sein. Die Adressen werden immer in Hauptstraßenname und Quergasse angegeben, die zweite Zahl entspricht der Hausnummer in den hinteren Gassen, z.B. Bui Vien 84/12B. Die Gassen hinter den eigentlichen Straßen sind das reinste Gewirr aus Hostels, Garküchen, Mini-Spas und Hauszugängen zu den Wohnungen der Einheimischen; selbstverständlich werden sie auch mit dem Motorbikes befahren, aber das macht das Flair dieser Stadt aus – genauso stellt man sich Saigon doch vor, oder?

Die „Backpacker Street“ Bui Vien selbst ist eine von zwei „Walking Streets“ in Ho Chi Minh City, wovon man allerdings tagsüber wenig merkt. Nachts gleicht die Straße eher einem endlosen Strom an Menschen wie zu den besten Zeiten der Love-Parades in Europa, als einer Straße. Man kann sie durchaus mit der Khao San Road  in Bangkok vergleichen. Hier treffen sich Einheimische genauso wie Backpacker aus aller Welt, aber auch Ausländer, die hier arbeiten, studieren oder einfach gestrandet sind. Es dauert nicht lange, bis man in ein Gespräch verwickelt wird, denn die Sitzplätze sind rar und entsprechend eng gesetzt.
Man sollte die Bui Vien unbedingt gesehen haben, hier schlafen stellte sich allerdings als schwieriger heraus, als wir zunächst gedacht hatten. Die Party dauert bei voller Lautstärke bis vier oder fünf Uhr morgens, dann beginnen die Hähne zu krähen. Feiern kann man hier jeden Tag, am Freitag ist es besonders laut. Zwar haben wir hier ein paar wirklich nette Menschen, u.a. aus Vietnam, Südkorea, den USA und England kennengelernt, trotzdem waren wir wirklich froh, nach vier Tagen unser Zimmer zu räumen und in neue Gefilde aufzubrechen.

Skydeck Saigon – Bitexo Financial Tower

Gleich am ersten Abend erkundeten wir die Umgebung der Bui Vien Street, entdeckten bald den markanten Bitexo Financial Tower, den höchste Wolkenkratzer der Stadt, und marschierten zielstrebig darauf zu. Beeindruckt von seiner Höhe, wollten wir pünktlich zum Sonnenuntergang oben sein, um ihn vom 60. Stock zu erleben. Hmmm, bis wir beim Eintrittscounter waren. Die Fahrt ganz nach oben kostete 200.000 Dong pro Person, für uns vier also gut 30 Euro. Doch etwas überteuert für einen kleinen Ausblick. Wir erinnerten uns an einen Tipp aus unserem Reiseführer und betraten das Gebäude auf der anderen Seite, dem Eingang zu Shoppingcenter und Beauty-Clinic. Bald entdeckten wir den Zugang zu einem Cafè im 50. Stock. Wir fuhren also in den 50. Stock. Oben angekommen waren wir überwältigt von diesem umwerfenden Ausblick (s. Titelbild). Allerdings muss man dazusagen, dass man hier oben für ein Bier, einen Kaffee oder Coca Cola den etwa 8-fachen Preis des sonst in Saigon üblichen bezahlt. Wir schossen also ein paar Fotos und verließen das Cafè freundlich lächelnd wieder. Wer es sich leisten möchte, kann bei einem Drink etwas länger sitzen bleiben …

Notre Dame de Saigon, Hauptpostamt, Oper, Rathaus

Die Franzosen hinterließen aus der Zeit ihrer Kolonialherrschaft, die etwa von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhundert gedauert hatte, zahlreiche, schöne Gebäude in der Stadt. Besonders erwähnenswert ist die 1900 fertigstellte neoromanische Kathedrale Notre Dame. Wir konnten sie aufgrund umfangreicher Renovierungsarbeiten allerdings nur von außen besichtigen. Gleich gegenüber liegt sich das Hauptpostamt aus dem späten 19. Jahrhundert. Es befindet sich in ausgezeichnetem Zustand und wird bis zum heutigen Tag als Postamt geführt, obwohl es auch als Touristenattraktion viel hermacht. Unweit der Post entdeckten wir die Oper. Auch sie wurde 1900 fertiggestellt und bietet ein abwechslungsreiches Programm aus Theater, Ballett und Musik. Das Saigoner Rathaus in District 1 beherbergt das Volkskomitee, die Stadtregierung. Obwohl es für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, wird es gerne für einen „Fototermin“ besucht.

 

Pagode des Jadekaisers

Die taoistische Pagode Chùa phước hải oder auch Chùa ngọc hoàng genannt (Schildkrötenpagode oder Pagode des Jadekaisers) dient der Verehrung des Jadekaisers, der höchsten Gottheit des Taoismus. Dieser wird vor allem von chinesischen Buddhisten verehrt. Er ist Wächter am Himmelstor und entscheidet über Einlass in denselben oder Verdammung in eine der zehn Höllen. Diese werden eindrucksvoll in Holzschnitzereien in einem Nebenraum des Hauptaltars dargestellt. Der Jadekaiser selbst wird beflankt von einer Vielzahl an Schutzgöttern. Die Pagode verströmt eine sehr rauchige und dunkle Atmosphäre. In der Haupthalle sind die Holzschnitzereien und Deckenpaneele schwarz geräuchert von den vielen Räucherstäbchen, die die Gläubigen hier schon angezündet haben. Draußen kann man gefangene Vögel oder Schildkröten kaufen, um sie dann freizulassen. Das soll Glück bringen.

Neben einer Vielzahl anderer Sehenswürdigkeiten wären sicher noch die Củ-Chi-Tunnel einen Besuch wert gewesen. Sie dienten während des Vietnam-Krieges dem Viet Cong als Geheimgänge für ihren Guerillakrieg gegen die Amerikaner aber auch als Zufluchtsort für die Bevölkerung. Aufgrund der bedrückenden Enge aber auch, weil wir die Kinder nicht mit dieser schrecklichen Kriegsvergangenheit des Landes konfrontieren wollten, entschieden wir uns gegen eine Besichtigung.

Motorbikes

Wir waren eigentlich nach Saigon gekommen, um uns zwei Motorbikes für die Fahrt von Siagon nach Hanoi, zu kaufen. Und diese Mission erfüllten wir erfolgreich.
Da diesen Trip viele machen, befindet sich hier ein riesiger Umschlagplatz für Motorbikes und es dauert nicht lange bis man einen Dealer gefunden hat. Wir haben uns für zwei Yamaha Nuevo III 125 entschieden, da sie bequem sind und man überall im Land Ersatzteile dafür bekommt. Unser Verkäufer stattete sie auch mit einer Halterung für unsere Backpacks sowie einer für das Handy für die Navigation und einem USB-Charger aus. Insgesamt bezahlten wir ca. 200 US-Dollar je Bike. Wir achteten darauf, dass wir die originalen „Blue Cards“ dazubekamen, den Erstanmeldungen der Bikes. Darauf vermerkt sind der Erstbesitzer, das Kennzeichen sowie die Motornummer. Ohne Blue Card kann man sein Bike nicht mehr oder nur mit starken Verlusten weiterverkaufen. Da es kein Registrierungssystem für gebrauchte Motorbikes gibt, ist keine Anmeldung etc. notwendig. Beim Kauf haben wir nicht nur eine Probefahrt gemacht und Reifen, Bremsen, Beleuchtung etc. geprüft, sondern auch darauf geachtet, dass die Motornummern unter dem Sitz, jene am Motor und die auf der Blue Card übereinstimmten. Man muss an dieser Stelle allerdings anmerken, dass man Blue Cards sehr leicht fälschen kann. Wie auch immer, so hoch ist der finanzielle Einsatz nicht, dass wir es nicht wagen wollten. Und so dürfen wir uns stolze Besitzer von zwei Motorbikes nennen und machen uns auf den 1.700 kilometerlangen Roadtrip nach Hanoi auf!

 

Links

Ho-Chi-Minh-Stadt (Wikipedia)
You Tube Video Bui Vien Party Street

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